by harMONIe

IMPRESSIONEN






Lily of the Valley







Es lag dieser elegante Duft von Maiglöckchen in der Luft; kaum, dass ich den Raum betrat, verfiel ich ihm. Wie so oft, schloss ich meine Augen und holte mir die Erinnerung der Vergangenheit zurück in die Gegenwart.

Maiglöckchen - wie sehr freue ich mich auf die zarten, kleinen Blütenköpfe, warte Jahr für Jahr wie ein kleines Kind darauf, dass sich ihr weißer Glockenrock aufbäumt und sie ihren, mich verzaubernden Duft verströmen.

Verwildert dominieren sie zu dieser Jahreszeit meinen Garten. Drei oder vier kleine Rispen genügen vollkommen, um den Raum mit ihrem Duft zu füllen.

Er wusste, wie sehr ich ihm verfallen war. Er wusste von meinen Vorlieben, von meinen Gedanken, meinen Gefühlen. So war es wieder einmal nicht verwunderlich, dass er eine kleine, unglaublich kunstvoll verpackte Schachtel, die umhüllt war von roter Folie und elegant eng umarmt wurde von einer goldenen, filigranen Schleife, hinter seinem Rücken hervorholte mit den Worten: „Für dich, Liebling!“

Fast zu schade es auszupacken, dieses liebevoll bekleidete Geschenk, das für mich heute seine beste Robe trug. Lächelnd schien er wieder meine Gedanken lesen zu können, als die Worte mit einer Spur Ungeduld „... nun pack' schon aus!“ seinen Mund verließen.
Es lag eine berauschende Stille im Raum.

Stille, in der eine unbeschwerte Note lag; eine in sich ruhende Spannung zwischen noch-Warten-wollen und Überraschungseffekt.

Ich möchte mir diese Momente gerne bewahren, die erhöhten Pulsschläge, die so wunderbar das Leben beleben.
Und doch
siegt meist die Neugier.

Wie auch jetzt, wo die Ungeduld in seinen, sich weitenden Augen, größer und größer zu werden schien und seine Hände fahrig durch die Luft fächelten, was so viel bedeutete wie 'Jetzt mach' schon!'

Männer, ...dachte ich und sah ihm liebevoll in die Augen. Ich sparte mir die Frage, ob 'wir' das Geschenk nicht doch noch ein wenig -so hübsch wie es war- in seiner Verpackung belassen könnten.


Die Schleife ließ sich leicht über die Ecken der Schachtel abstreifen. Ich legte sie so wie sie war auf den Tisch, um sie später doch noch irgendwo im Haus 'Deko oder Erinnerung' sein zu lassen.

Mit dem Öffnen der Folie fällt die Überraschung!
...  fliegt im zehntel Sekundentakt weg –
wohin auch immer,
vielleicht an einen anderen mystischen Ort. Wahrscheinlich!

Zehntel Sekunden, von einer Art 'süßer Schmerz'.
Warten, warten, noch etwas warten …!
Gleich ist es soweit! ... leider.

Immer noch zögernd schoss mir durch den Kopf: … warte, warte! Hundertstel Sekunden. Tausendstel ...

Vorbei!
Ortswechsel.
Wo mag sie jetzt wohl schon sein, 'die Überraschung' - wessen Puls schlug bereits jetzt im zehntel Sekundentakt Kapriolen?


'White Linen'

… vor vielen Jahren schenkte er mir schon einmal 'White Linen', mit seinem verführerischen Duft, der sich blumig weich auf die Zunge legt, den Geist durchströmt und die Sinne streichelt.
Maiglöckchen. Maiglöckchen.
Maiglöckchen ging mir durch den Kopf.

Ich schmecke dich – genau wie damals.



Als ich die Schleife zwischen den Dessous in den Schrank legen wollte, fand ich ein von der Wäsche leicht zusammengedrücktes Schleifenband, das ich erst langsam zur Nase, dann zum Mund führte, zärtlich über meine Lippen strich, nochmals daran roch und es liebevoll sanft küsste.



Erinnerungen sind niemals nur Deko.
Zehntel Sekunden sind erwachende Erinnerungen,
die wir just in diesen Momenten einatmen.

... und doch steht die Zeit still -
in einer zehntel Sekunde.




Text und Fotografie © Monika Hoesch










Die Begegnung







 Ich zog mit meiner Kamera los, um auf Motivsuche zu gehen. Es
 war schon einige Zeit vergangen, als ich einem älteren Herrn
 begegnete, der mich schon von weitem interessiert beobachtete.
 Als wir auf Augenhöhe waren sprach er mich an und meinte:
 „Was suchen Sie?“


 Ich antwortete: „…etwas, dem Andere keine Beachtung schenken!“
 Er belächelte meine Antwort und sagte: „…dann werden Sie ein
 Sandkorn in einer Wüste finden!“
 Ich nickte.
 „Wissen Sie, vielleicht ist es genau ‚das Sandkorn’, das ich
 brauche, um die Maschinerie des Uhrwerks lahm zu legen, was
 mir ermöglicht, für einen Augenblick lang die Zeit anzuhalten!"


 Er sah mich sinnierend und berührt an und entgegnete mir:
 „Das ist Ihnen just in diesem Moment gelungen!"


 Der ältere Herr ging weiter und drehte sich nach kurzer Zeit
 noch einmal um. Ich hörte ihn sagen: „Bald wird der Flieder
 wieder blühen!“ und ich antwortete ihm leise:

 „… und das ist gut so!"




Text & Foto © Monika Hoesch











DerCharme nostalgischerVollkommenheit




 Ich suchte auf dem Dachboden nach einem kleinen Buch, welches mir
 äußerst wichtig war und ich war hundertprozentig davon überzeugt,
 es hier oben zu finden.


 Die alten verstaubten Koffer in der hintersten Ecke unter der 
 Dachschräge versprachen Hoffnung, dass dort das bisher
 unauffindbare Erinnerungsstück zu finden sei.






 Ich zog das übereinander gestapelte Kofferpaar aus seinem Versteck,
 kniete mich hin und blies empfindli
ch angewidert, mit ausreichendem
 Sicherheitsabstand, zwei zerfallene Spinnen, die vor langer, langer
 Zeit das Zeitliche gesegnet hatten, v
on der Kofferoberseite -
 wahrscheinlich mit einem Gesicht für das jeder Geisterbahnbetreiber
 ein Vermögen bezahlt
hätte.


 Nun, mich sah ja niemand; ich war ja allein -
 … und wenn mich niemand sieht, mache ich halt solche Fratzen.

 Den kleineren Koffer öffnete ich zuerst. Der dunkelbraune
 Lederriemen war hart und porös; die Schlösser schwergängig.


 Ich wusste gar nicht mehr, woher diese Koffer eigentlich stammen,
 aber sie waren uralt und leider konn
te ich auch niemanden fragen, 
 woher sie kamen, wem sie gehörten und ob man mit ihnen einst
 vereist war oder wohin. Sie mussten wohl von meinen Großeltern
 oder Urgroßeltern gewesen und so Generation um Generation
 mitgereist sein. Mich reizen solche Fragen ...


 Ich liebe Dinge, die eine Geschichte haben; die etwas zu erzählen
 haben. Ein Eigenleben!


 Vielleicht hatte dieser kleine Koffer mehr erlebt,
 als ich jemals erleben würde.
 Vielleicht barg er Geheimnisse,
 die für immer Geheimnisse bleiben würden.
 Vielleicht war der Koffer selbst das Geheimnis.
 Vielleicht würde ich Antworten finden - oder neue Fragen ...?!


 … also schlug ich den Deckel auf. Er wurde durch schlichte
 Stoffbänder, die an den Seiten des Kofferunterteils befestigt waren,
 gehalten.
Ein leicht muffiger Geruch hatte sich schwerfällig in den 
 Stoff gesetzt und kroch, durch frischen Sauersto
ff wiederbelebt, in
 meine Nase.
.


 …wieder eine Nase rümpfende Fratze.


 Mir fiel eine Zigarrenkiste ins Auge. Ich griff nach ihr. Sie war alt,
  jedoch gut erhalten. Auf dem Decke
l stand in großen,
 geschwungenen Lettern der Schriftzug „Schimmelpenninck".

 Um die gesamte Kiste war ein vergilbter, ausgefranster Wollfaden
 geschnürt, der letztendlich, auf de
r Oberseite zu einer akkuraten
 Schleife gebunden, dem ganzen Paket zusätzlichen Halt gab.


 Ich öffnete die Schleife, wohlwollend mit dem Wissen ein Stück
 meiner Kindheit zu öffnen, legte sie zur Se
ite und hob den Deckel
 hoch. Meine Augen wurden feucht.





 Alleine die Zigarrenkiste meines Opas erweckte sofort Erinnerungen 
 daran,

 ... wie er in den Sommermonaten mit mir und einer
 zusammengefalteten Tüte in der Hosentasche in den Wald ging, um
 Brombeeren zu sammeln und um Mama und Oma außerdem einige,
 unter Naturschutz stehende Weidenkätzchenzweige für die Vase 
 mitzubringen ;-)


 … wie er genussvoll -mit diesem zufriedenen Lächeln-
 seine Zigarre paffte.



 Mir flimmerten an die hundert Glanzbilder entgegen, deren Motive
 mal nostalgisch anmutend, mal -für damalige Zeit- modern geprägt 
 waren und ich schob sie mit bedachter Vorsicht mit meinem
 Zeigefinger auseinander und erinnerte mich an die Bilder des
 Kindseins; nahm das ein oder andere in die Hand und betrachtete es
 mit nachdenklich, warm melancholischem Blick.



                            

 Jenes, ‚der kleine Junge’ - das war mein Bruder.
 Rosarote Pausbäckchen mit einem in seiner Nähe liegenden
 Milchfläschchen und dem kleinem blauen Hasen, den er so liebte.


 -Kindliche Wunschgedanken-.

 Es war mein liebstes Bild; ich hatte es nie tauschen wollen.
 Wie auch – es war doch mein Brüderchen!
 ‚Er’ ganz alleine auf dem Bild, welches mich bis heute im Herzen
 begleitet. Es war für mich wie ein Foto; nicht wie die vielen anderen
 Bilder, ob mit oder ohne Flimmer, der nun an meinen Fingern haftete.


 Es war besonders.
 Es war ja ‚Er'!

 Mein Bruder wurde nur 12 Tage alt -
 eigentlich habe ich ihn nie gekannt.
 Eigentlich ...




 Ich schloss die Zigarrenkiste mit einem warmen Gefühl in der
 Herzgegend und legte sie zurück an ihren ursprünglichen Platz
-
 in den alten Koffer.
 Unter klackerndem Geräusch nahm ich ein schweres Stoffsäckchen
 an mich, zugezogen mit einer leicht verknoteten Tunnelschnu
r aus
 Nylon. Murmeln ...


 Glasperlen, Tonkügelchen.‚Knicker’- wie wir sie nannten
 und wie selbstverständlich schaute ich auf meine Hände, sah nach,
 ob ich 'noch' Dreck unter den Fingernägeln hatte.


 Ich lachte leise vor mich her, öffnete den Knoten, zog den Stoffrand
 auseinander und griff in dieses kühle, geschmeidige Meer von
 unterschiedlich großen, bunten Glaskugeln. Ich ließ sie durch meine
 Finger rieseln -aufeinander klackern-, nahm einige heraus und sah
 mir die farbenreichen verschiedenen Einschlüsse an.






  …wie einfach es doch einst war, sein Spiel zu finden.
 Eine kleine Kuhle im Dreck; die Bahn mit den Händen noch 
 barrierefrei wischen und ein Beutel voll Knicker -
 mehr brauchten wir nicht.






 In diesem wie auch in dem anderen Koffer befanden sich viele
 solcher Erinnerungen. Zeichnungen, bekritzelte Papierschnipsel,
 Stofftiere. Spielzeug, das mir einst sehr wichtig gewesen war.
 Stücke von mir, von meinem Kindsein - …ein Puzzle vieler
 verschiedener Teile, das sich zusammenfügt aus längst vergessener
 Zeit, die plötzlich wieder da war, in ihrer ganzen Vollkommenheit.
 Nostalgische Momente voll Glück. Ein vollendetes Bild.

 Nur, dieses eine Buch, das mich an jenen Ort führte, habe ich bis
 heute nicht gefunden.



 Stattdessen trug ich ein kleines, braunes ledernes Buch, mit einem
 kindlich naiv gesicherten Schloss, hinab ins Wohnzimmer.

 Ich öffne es von Zeit zu Zeit immer wieder mal; in einem stillen,
 melancholischen Moment und les
e verspielte Poesie, die mit
 flimmernden Glanzbilder
n geschmückt mir damals ewige
 Freundschaft versprach.





  Text © Monika Hoesch
  Fotos © Monika Hoesch & Monika Müller www.moniart.ch





‘Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann,
wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat,
sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.'


Antoine de Saint-Exupéry











 fragende Mystik -  mystische Fragen



  Feuchter Morgennebel kroch schwerfällig über das modrig
  riechende Land.


  Im Waldesinnern lebte die gedachte Einsamkeit.

  Zu dieser unwirklichen Stille gesellte sich geheimnisvolles
  Rascheln und erweckendes Gezwitscher.

  Wie eine fein abgestimmte Komposition erreichten mich Töne, die
  darüber nachdenken ließen, was man sich wohl gerade zu sagen
  hatte, oder mir?



  Ich konnte meinen Atem hören ...

  Mein Weg führte mich über knisterndes, sprödes Geäst, vorbei an
  Licht durchflutete Wegstellen.

  Sonnenstrahlen durchbrachen die Kronen mächtiger
  Baumskulpturen, die die Morgensonne für sich fingen
  und einnahmen.

  Ihre fingernde Wärme ergriff mich abschnittweise;
  ließ mich wissen - dass ich hier nicht alleine war.


  

  Ich ging hinab zum See auf dessen Spiegel der Ruhe
  sich flimmernde Reflexe trafen.
  Befreundet ließen sich wärmende Strahlen nieder,
  schienen durch die gläsern wirkende Fläche
  und nahmen ein kühles Morgenbad.
  Berührend - wie eine begegnende Freundschaft wirkte es auf mich.
  Einige Wasserläufer durchbrachen dieses in sich ruhende
  Bild; taten geschäftig tuend.


   

  Das durchnässte Holz des im Schatten liegenden morschen
  Bootsstegs war stellenweise dicht bemoost. In den grünen
  Polsterhügeln regte sich unbestimmt viel an Kleingetier.


  Zwischen maroden Stegbrettern suchten spitze Schilfhalme ihren
  eigenen Weg zum Licht.


 

.Alles und jedes suchte, entdeckte und lebte.

Wahrscheinlich für jeden

- ein ganz normaler Tag,
... wie jeder andere -


nur, dass ICH hier war.


Vielleicht war ICH aber auch gar nicht wichtig ...



Vielleicht war Ich
einfach nur       Ich


  Da lag die alte Jolle ...
  -bewegungslos im Wasser-; vertäut am Stegende.


  Das ausgefranste Seilende war filigran umsponnen mit einem Netz
  feinster Spinnfäden, worin sich perlenkettenartig der Morgentau
  fing.



    

  -Bemerkenswert, wie stark und selbstverständlich

     das Netz für seine Herrin den Schmuck trug ...!

  Versunken in den schimmernden Reflexionen erschienen Bilder
  der Erinnerung.

  Die schemenhafte Nähe
Verstorbener und Lebender
  ließ den Glanz dieser Perlen in meinen Augen diffus verschwimmen.



Damals ...        
        Nein -
     … ich war hier nicht allein!




     und                                                                        
        Stille erfüllte mich mit Ehrfurcht.




Text © Monika Hoesch
Fotos © www.moniart.ch







 Während ich meine Augen geschlossen hielt ...





und die Weichheit ihres Körpers wahr nahm, erinnerte ich mich an die wundervolle Zeit des Kindseins; an die Spaziergänge im Wald, an den Geruch von feuchter Erde und den Odeur ätherischer Kiefern- und Fichtenwälder. Wie sehr ich es liebte, ‚sie’ zu streicheln, ihren samtigen Körper durch meine Finger gleiten zu lassen – wieder und wieder.
Es war ein Gefühl von Vertrautheit; ähnlich wie man sie zu einem geliebten Tier empfindet,


dessen treuer Blick sagt, dass es jetzt mit mir eine bedingungslose Freundschaft fürs Leben eingeht.

Unvergesslich, das Gefühl von Vertrautheit.

Die Vertrautheit zwischen menschlicher Erinnerung -der wahrnehmenden Begeisterung  mit zarter, kindlicher Entdeckungs-freude- und den kleinen Wundern der Natur.




Text © Monika Hoesch
Foto © www.moniart.ch





























   auch heute ...

            - Ein Morgen, wie fast jeder andere -




....
Hedera, meine treue, immergrüne Freundin!

Du bist lebendiger denn je unter den
vertrockneten, braunen Blättern, die den Weg wie einen Teppich bedecken, sich ergeben und knisternd zerbersten unter dem enormen Druck der tragenden Füße.


Ein wunderbares Farbspektakel um mich herum.

  Die warmen Töne von Grün und Gelb über Rot bis Braun lassen
  meine Augen wandern und genießen.


  Eicheln liegen auf dem Boden - 
   verloren ihre Kappen beim Aufprall auf hartem Asphalt.
   In den Büschen raschelt es geheimnisvoll.

  Anmutig, der Tanz der Blätter in ihrem riesigen,
    farbenfrohen Ballsaal.

  Der zarte Nebel verflüchtigt sich, während die letzten gefiederten
  Freunde ihr Abschiedslied singen un
d ein wärmender Strahl auf
  meinen Körper trifft.


  Knorriges Geäst rankt bedrohlich gen Himmel,
   mit einem Hauch Melancholie ergibt es sich nackt
   dem Zeichen der Zeit.

  Es ist kalt.
  Modrig und muffig trägt mir das abgestandene Wasser
   seine Botschaft zu.

  Der Teich abgesunken, faul und träge -
   unmotiviert und still wartend auf eine sanfte Bewegung
   oder den Kuss des Himmels.

  Ein wilder, aufgeregter Blattregen erklärt sich
   durch aufkommenden Wind und bedeckt den Weg mit Buntem,
  sich natürlich Ergebendem.



  Selbst die stolzen Wächter des Teiches sind hüllenlos.
   Die Buchen zieren sich noch ein wenig.
 
bemänteln sich mit dem, was ihnen noch bleibt – für kurze Zeit.

  Der einst fließende, kleine plätschernde Bach dümpelt vor sich her.
  Er schweigt und genießt die Wärme des Blattwerks, das ihn liebe-
  voll bedeckt.


  … ein wiederholtes, tiefes Einatmen füllt die Lunge mit Leben und
   gezielten Schrittes suche ich die Behaglichkeit und den Duft von
  frischem Kaffee.




  Text & Fotos © Monika Hoesch






KURZGESCHICHTEN
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"ER"


Es liegt mit Sicherheit 25 Jahre zurück...


Ich ging meinen gewohnten Weg zur Arbeit und kam wieder an dieser herrlich duftenden Parfümerie vorbei. Es war Sommer. Das Schaufenster wurde am Abend zuvor umdekoriert.

Ein Badeanzug, der mir sofort ins Auge sprang, hatte zwischen teuren Flakons von noblem Parfüm seinen Platz gefunden. Seine Grundfarbe war weiß und auf dem Vorderteil waren großformatige Blumen; ich glaube es waren rote Lilien mit detailliert erkennbaren Staubgefäßen in brillanten Farben gedruckt. Die Töne Rot und Grün dominierten und machten ihn zu einem absoluten Hingucker. Ich konnte nicht anders - blieb genau vor dem Schaufenster stehen und himmelte in Gedanken versunken dieses Teil an. Ich fand ihn einfach nur wunderschön.

Sofort ging mir durch den Kopf, ‚ob er mir stehen würde…?!’ Der Preis holte mich auf den Boden zurück – DM 129,00. Ich zog die Augenbrauen hoch und krauste die Stirn; mein Portemonnaie ließ diesen Luxus für mich nicht zu.
DM 129,00 waren zu der Zeit enorm viel Geld für mich. Wir hatten gebaut; mussten sparsam leben. Es wäre wirklich Luxus pur gewesen für einen Badeanzug so viel Geld auszugeben und obwohl ich noch gar nichts Übermütiges gemacht hatte, bis -lediglich mit dem Gedanken gespielt-, hatte ich bereits ein schlechtes Gewissen.

Ich ging weiter zu meiner Arbeitsstelle und dachte nicht mehr allzu viel darüber nach.

Am nächsten Tag und in den darauf folgenden Tagen besuchte ich meinen persönlichen Blickfang immer wieder. Ich wog ab, zwischen – ob er mir nicht doch stehen würde, ob ich mir nicht doch einmal etwas ganz besonderes leisten sollte und ob ich nicht zu käsig dafür wäre, immerhin
war er in der Grundfarbe weiß, aber die farbenfrohe Blumenpracht war genau das, was ich zu der Zeit so trug, farbintensiv von knalligem Rot über Neon-Pink bis zu leuchtendem Orange.

Er war edel, keine Frage … Es wäre sicherlich filmreif, sich mit diesem Wahnsinnsteil ins Schwimmbad zu begeben. Ich wäre eine halbe Sophia Loren oder Gina Lollobrigida in jungen Jahren, ging mir durch den Kopf. Er war der Burner. Ja, so könnte man es nennen, er war das ultimative Nonplusultra – zumindest für mich und das seit dem Moment, wo 'ER' mich gefunden hatte.


Gut, ich erzählte natürlich meiner ganzen Familie von IHM, ‚dem Schönsten aller Schönen’ und spätestens dann, wenn ich die DM 129,00 erwähnte, kam eine abwinkende Handbewegung von jedweder Seite.

Kennt ihr das Gefühl, dass es da etwas gibt, was ihr unbedingt haben wollt und die Gründe, es nicht zu kaufen allen anderen Gründen unterliegen?!

Ich meine mich erinnern zu können, dass ich zirka zwei Wochen gebraucht habe, bevor ich mich entschloss die besagte Parfümerie zu betreten. Mit einem überfreundlichen ‚Kann-ich-Ihnen-behilflich-sein?’ kam diese durchgestylte, puppenhafte Verkäuferin, die wohl das ganze vorhandene Repertoire an Luxusschminke im Gesicht trug, auf mich zu und lächelte mich unter einer wehenden Duftwolke breit an.

Ich fragte freundlich, ob ich den Einteiler aus dem Schaufenster anprobieren könnte und mit ihrem scheinbar eintätowierten Lächeln holte sie mir meinen Blütentraum in Größe ‚hau-mich-tot’ aus dem Fenster.
Ich trug ihn ehrfürchtig in die Umkleidekabine und zog mich bis auf die Unterwäsche aus, um vorsichtig in ihn ‚hineinzuschlüpfen’.

Da stand ich nun vor dem Spiegel, wie eine graue Maus in Prada gehüllt. Die riesigen Blüten fluteten meinen 23-jährigen Körper und ICH war gar nicht ICH. Sie erdrückten meine kleine Gestalt und ich schrumpfte um gefühlte 15 cm. Die gepolsterten Soft-Cups und das gefütterte Vorderteil störten mich kolossal und mein durchaus schöner Busen verschwand unter einem massiven Schaumstoffpanzer.

'Nein! … du Traum meiner schlaflosen Nächte –
ich denke nicht, dass wir Freunde werden.'

Ich zog wieder meine Jeans und mein T-Shirt an und übergab die luxuriöse Stretchhülle der mit der Welt um die Wette lächelnden und duftenden Verkäuferin mit den Worten: „Vielen Dank, aber 'ER' steht mir leider nicht!“.

Wer weiß, was sie dachte in diesem Moment –
... ich will’s gar nicht wissen!

Von da an, war ‚ER’ kein Thema mehr für mich und sowieso – definitiv zu teuer!


Fazit:

Ich denke, man sollte sich vor allem selbst treu bleiben.
Ein ständiges ‚in eine Hülle schlüpfen’ ist nie gut, vor allem dann nicht, wenn sie einem Menschen
in keinem Maße entspricht.

und …
man sollte sich hin und wieder etwas Besonderes gönnen, keine Frage – aber es sollte dann nicht nur dem Körper – sondern vor allem der Seele schmeicheln.

© Monika Hoesch                                                                        aus meinem Leben gegriffen ;-)